Facebook: Das Netz mit doppeltem Boden


Facebook revolutioniert die Online-Kommunikation und -Vernetzung. Es steht aber auch in der Kritik für mangelnde Privatsphäre und dubiose Teilhaberfirmen


Von Philipp Jacks
veröffentlicht am 7. Juli 2010

 

Iran 2009: öffentliche Regimekritik wird unterdrückt, verfolgt und bestraft, eMails werden vom Geheimdienst gelesen, Verschlüsselungstechnologien sind verboten, der Zugriff auf regimekritische Webseiten wird gesperrt, RegimekritikerInnen werden verhaftet und gefoltert. Aus welchen Gründen auch immer ist Facebook aber zugänglich[1], und da dessen Server in den USA stehen, ist es dem iranischen Regime kaum möglich, die auf Facebook stattfindende Kommunikation zu überwachen.

 

Diese „Sicherheitslücke” nutzen die iranischen AktivistInnen der sogenannten Grünen Revolution um sich zu vernetzen, politische Nachrichten auszutauschen und den Protest zu organisieren.[2] So haben Facebook (und Twitter) einen wichtigen Teil zum größten Protest seit dem Beginn der Islamischen Revolution vor über 30 Jahren beigetragen: es gewährt jedem und jeder kostenlosen Zugang und gleichberechtigten Austausch von Informationen in quasi unbegrenzten Netzwerken.

 

Allerdings nutzt auch das iranische Regime Facebook: Geheimdienstler melden sich ebenfalls bei Facebook an und durchforsten die sichbaren Freundschaften von bekannten RegimekritikerInnen, um deren Bekannte und Verwandte ausfindig zu machen[3] und diese zu verhören und zu schikanieren.[4] Diejenigen, die über die Facebook-Privatsphäreneinstellungen ihre Freundschaften versteckt hatten, wurden teilweise durch die Androhung von körperlicher Gewalt dazu gezwungen, sich vor den Augen des Geheimdienstes einzuloggen und den Beamten so Einblick in ihre Netzwerke zu geben[5].

 

Diese drastischen Beispiele zeigen die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren, des Werkzeugs Facebook sehr deutlich. Einerseits ist es ein sehr nützliches Tool, um private und politische Netzwerke aufzubauen und zu nutzen. Andererseits kann es – wie jedes andere mächtige Werkzeug auch – in den falschen Händen auch zur unheimlichen Waffe werden. Dabei ist die hier genannte Nutzung durch den Iranischen Geheimdienst noch harmlos im Vergleich zur Vorstellung, dass eine totalitäre Staatsgewalt tatsächlich uneingeschränkten Zugriff auf die Facebook-Server hätte – aber das ist zum Glück mittelfristig nicht abzusehen.

 

Für NutzerInnen, denen weder Folter noch andere Polizeigewalt droht, ist allerdings in erster Linie wichtig, dass sie die Kontrolle über die Daten haben, die sie im Internet preisgeben. Bis Ende 2009 war es auch jedeR Facebook-UserIn möglich, mithilfe der Privatsphäreneinstellungen zu entscheiden, welche Informationen er oder sie preisgibt. Solange ihnen also nicht ihr Facebook-Passwort oder andere Informationen abgepresst wurden, konnten mündige NutzerInnen die Ausspähung verhindern.

 

Diese umfassenden Einstellungsmöglichkeiten gab es seit Dezember 2009 auf Facebook nicht mehr: seitdem wurden Name, Freundschaften, Profilbild sowie (Fan-)Pages (Like- bzw. Gefällt mir-Button) ohne Einschränkungsmöglichkeiten allen anderen Facebook-NutzerInnen angezeigt[6], je nach Einstellung auch öffentlich im ganzen Internet. Nach Protesten der Community wurde wenige Tage nach dieser Verschlechterung die Möglichkeit, die Freundschaften zu verstecken, wieder eingeführt. [7]

 

Einstellungssache

Ende Mai 2010, wenig Tage vor dem angekündigten Quit Facebook Day[8], an dem immerhin knapp 30.000 Leute teilnehmen wollten, kam dann die größte Privatsphären-Reform in der Geschichte von Facebook: sämtliche Privatsphäreneinstellungen sind nun übersichtlich auf einer Seite zusammengefasst und können sowohl insgesamt als auch einzeln angepasst werden. Außer dem Namen und dem Profilbild besteht nun die volle Kontrolle über die eigenen Daten – außerdem können nun (Fan-)Pages versteckt werden, und auch die kürzlich eingeführte Instant Personalisation, die die UserInnen-Aktivitäten auf ausgewählten Webseiten kommerzieller Partner „personalisiert” (=verfolgt), kann dort mit einem Mausklick ausgestellt werden.

 

Im Blog-Beitrag[9] zur nun erfolgten Verbesserung begründete Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Probleme der letzten Zeit mit der in den letzten drei Jahren stattgefundenen strukturellen Umstellung von Facebook: ursprünglich war es in regionale und Uni- bzw. Firmen-Netzwerke strukturiert und hatte daran angepasste Privatsphäreneinstellungen. Inzwischen ist es ein Netzwerk für alle, mit entsprechend anderen Anforderungen und Strukturen. Außerdem hat Facebook im September letzten Jahres erstmalig schwarze Zahlen geschrieben[10], und sieht sich deshalb evtl. nicht mehr veranlasst, die mit dem relativ neuen Like-Button aufgezeigten Vorlieben der NutzerInnnen für unbeschränktes Empfehlungsmarketing verpflichtend zu machen. Aber auch für personalisierte Werbung bleibt der Like-Button natürlich ein wichtiges Tool. Dass finanzielles Interesse eine Rolle bei der Entscheidung über die Privatsphäreneinstellungen gespielt hat, wird von den Vertretern von Facebook allerdings bestritten.

 

Wie auch immer: Facebook ist nun wieder das soziale Online-Netzwerk mit den vergleichsweise besten Möglichkeiten, die Privatsphäre wie auch die selektive Weitergabe von persönlichen Inhalten zu justieren. Insbesondere die Möglichkeit, Freundeslisten zu erstellen, und diesen jeweils unterschiedliche Privatsphäreneinstellungen zuzuordnen, ist einzigartig: sie lösen das Problem, dass man sowohl mit guten Freunden, als auch z.B. mit KollegInnen auf Facebook befreundet ist, und nicht alles mit allen teilen will.

 

Zwei größere Mängel bleiben allerdings: die Standard-Einstellungen für neu registrierte UserInner geben quasi sämtliche Informationen Facebook-weit preis. Das reduzierte öffentliche Profil, inklusive aller mit Alle bzw. Everyone versehenen Profil-Informationen, ist in der Standard-Einstellung sogar Internet-weit über Suchmaschinen auffindbar. Auch Instant Personalisation ist standardmäßig eingeschaltet. Die Facebook-MacherInnen gehen offensichtlich – und leider wohl zu Recht – davon aus, dass den meisten ihrer NutzerInnen ihre Privatsphäre egal ist.

 

Wichtig ist für datenbewusste Menschen, dass es nun (wieder) sehr gute Einstellungsmöglichkeiten gibt, um die Kontrolle über ihre Daten zu behalten. Ein weiterer Mangel: selbst wenn man Privatsphäre-Einstellungen auf die höchste Sicherheitsstufe schraubt, bleiben Daten, die man auf andere, (halb-)öffentliche Profil- oder Fan-Seiten postet, über die Suchmaschinen auffindbar. Hier hilft derzeit nur, gar nicht auf (Fan-)Pages zu kommentieren.


Facebook und die CIA

Eine weitere Geschichte über Facebook, die durchs Netz geistert, soll hier auch noch kurz behandelt werden: nämlich dass Facebook mit dem CIA verbunden sei.[11] Bewiesen wird diese Theorie in der Regel durch angebliche personelle Verknüpfungen zwischen dem Facebook-Vorstand bzw. den Facebook-Investoren und dem CIA: Einer der ersten großen Investoren bei Facebook war Accel Partners, eine der größten Risiko-Investitionsgesellschaften der Internet-Branche. Ein Vertreter dieser Firma, James Breyer, sitzt sowohl im Facebook-Vorstand, als auch im Vorstand der National Venture Capital Association (NVCA), dem größten Verband von U.S.-Risikokapitalgesellschaften.

 

Ebenfalls im NVCA-Vorstand saß Gilman Louie, der Gründer und frühere Geschäftsführer der Firma In-Q-Tel, eine Tochterfirma der CIA die sich darauf spezialisiert hat, in neue Technologie zu investieren und für die CIA nutzbar zu machen.[12] Dass VertreterInnen dieser beiden Firmen im Vorstand eines solchen Dachverbandes sitzen ist keine überraschung. Dass sie deshalb allerdings gleich interne Kundendaten austauschen, ist höchst unwahrscheinlich, jedenfalls ist es keinesfalls ein Beweis dafür, dass Facebook direkt mit der CIA zusammenarbeitet.

Ebenso irrelevant ist die oft vorgebrachte Verknüpfung von Anita K. Jones[13], die sicherlich eine wichtige Rolle im militärischen und geheimdienstlichen Apparat der USA spielt. Dass sie, wie auch Jim Breyer für Accel Technologies, im Vorstand der seit 1948 im Hochtechnologie-Sektor arbeitenden Firma BBN Technologies war[14], beweist nicht, dass Facebook unterwandert ist.

 

Weitere Vorstandsmitglieder von Facebook Inc. sind übrigens neben Jim Breyer und Mark Zuckerberg, dem 26-jährigen Gründer, Vorstandsvorsitzenden und mit 30 Prozent Haupteigner von Facebook, noch drei weitere Leute: Don Graham, ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender und Geschäftsführer der Washington Post, Marc Andreessen, Gründer von Netscape, Vorstandsmitglied von eBay und HP sowie Anteilseigner von Skype, und zuletzt Peter Thiel, Gründer und ehemaliger Eigentümer von PayPal, der Facebook die erste Anschubfinanzierung von 500.000 US-Dollar gegeben hatte.

 

Verschenkte Bildrechte

Ein weiterer Vorwurf, der seit Jahren durchs Netz geistert, ist, dass die UserInnen die Rechte an hochgeladenen Bildern und anderen Informationen unwiderruflich an Facebook abgeben. Das stimmt zwar nach wie vor, allerdings macht die seit April 2009 in den Geschäftsbedingungen festgeschriebene Neuformulierung klar, warum diese Bedingung untrennbar mit sozialen Netzwerken verbunden sein muss: „Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löscht, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben sie nicht gelöscht.”[15]

 

Ähnliches gilt übrigens, wenn man sein Facebook-Konto löscht: die Inhalte auf dem eigenen Profil sind nicht mehr für andere UserInnen sichtbar und auch auf den Facebook-Servern bleiben die Inhalte nur „für eine angemessene Zeitspanne in Sicherheitskopien fortbestehen”. Inhalte hingegen, die auf Profile von anderen UserInnen gepostet wurden, bleiben bestehen – allerdings ohne namentliche Zuordnung, sondern als „Anonymer Facebook User”.[16]

 

Fluch und Segen?

Abschließend bleibt wohl zu sagen, dass Facebook nicht nur Fluch, sondern auch Segen ist. Es ist ein faszinierendes Werkzeug um politische und kritische Informationen in die Köpfe von Leuten zu bringen, die sich niemals in politische eMail-Verteiler eintragen würden oder linke Publikationen lesen würden. Es ermöglicht die Vernetzung und Koordination von Protest und Interessensgruppen. Nebenbei gibt wohl keine bessere Möglichkeit um längst verschollen geglaubte, liebgewonnene Menschen wiederzufinden, mit ihnen in Kontakt zu bleiben und sowohl Klatsch und Tratsch sowie Späßchen auszutauschen, ohne jedes Mal anzurufen oder eine „Wie-geht’s Dir,-mir-geht’s-gut”-eMail zu schreiben. Wer macht das schon?

 

Der kritische Umgang mit dem Netzwerk ist aber sicherlich wichtig. Es steht jedem und jeder frei, persönliche Daten auf Facebook zu laden und das persönliche Netzwerk mit Informationen über sich selbst, Nichtigkeiten oder Wichtigkeiten zu versorgen. Ein Schritt sollte für neue Facebook-NutzerInnen aber auf jeden Fall immer der erste sein: die Anpassung der Privatsphäreneinstellungen.

 

Eine gute Anleitung zur Anpassung der neuen Privatsphäreneinstellungen (mit Video) gibt es hier:

http://www.eff.org/deeplinks/2010/05/more-privacy-facebook-new-privacy-controls


Eine gekürzte Fassung dieses Artikels ist im Sommer 2010 in der Verbandszeitung der JungdemokratInnen/Junge Linke "tendenz" erschienen